Junge Menschen im Alter von 12 bis 27 Jahren sind spätestens seit Beginn dieses Jahrhunderts erstmals als Generation in der Minderheit. Die Rolle einer offensiven Jugendpolitik, die insbesondere ihre Rechte vertritt, wird dadurch immer wichtiger. Sozialen Herausforderungen wie der Anspruch auf gerechte und umfassende Bildung, aber auch der Bedarf an Raum zur individuellen Entfaltung, gesunden und nachhaltigen Lebensumständen, der Bandbreite an heterogenen Lebensentwürfen, all dem müssen Politik, Schule und Jugendarbeit Rechnung tragen.
Der Landesjugendring NRW mit seinen Partnern setzt sich mit der Initiative „umdenken – jungdenken! Frische Ideen für NRW“ bis 2015 für die schrittweise Entwicklung und Umsetzung einer eigenständigen, kohärenten Jugendpolitik ein. Im Kern steht der Wechsel von einer rein reaktiven hin zu einer partizipativen, konstruktiven Politik für und mit jungen Menschen, die Änderung der Perspektive vom Ressortansatz zur Jugendpolitik als Querschnittsauftrag für alle Politikfelder.
Den Startschuss für die Initiative bildeten unsere Aktionen zur Landtagsneuwahl im Mai 2012. Anhand von acht Wahlprüfsteinen wurden die Positionen der Parteien zu unseren zentralen jugendpolitischen Forderungen getestet. Bei einer Auftakt- und Diskussionsveranstaltung mit Vertretern/innen der für den nordrhein-westfälischen Landtag kandidierenden Parteien am 10. Mai 2012 in Dortmund wurden die Antworten und jugendpolitischen Schwerpunkte in den politischen Programmen erörtert.
Nach der Regierungsbildung finden sich viele der eingebrachten Themen im Arbeitsprogramm des Landtags und im Koalitionsvertrag wieder, zuvorderst die Eigenständige Jugendpolitik. Aber zur Realisierung in unserem Sinne bleibt noch viel zu tun. Hierfür haben wir uns die Mitte der Legislaturperiode als Zielpunkt gesetzt.
Ende September 2012 folgte der offizielle Auftakt der Initiative mit einem großen und sehr gut besuchten Fachkongress zur Eigenständigen Jugendpolitik. Mit dabei waren Jugendministerin Ute Schäfer, ihr Staatssekretär Prof. Klaus Schäfer, Prof. Richard Münchmeier sowie weiteren Experten/innen. Sie diskutierten mit 250 Vertreter/innen aus Jugendverbänden, Jugendarbeit, Wissenschaft, Politik, Jugendämtern, Kirchen und Gewerkschaften über den richtigen Weg für die Jugendpolitik und die Rolle der Jugendarbeit.
Die Ergebnisse der acht durchgeführten Workshops sind Beispiele für Politikfelder, zu denen Jugendliche etwas einzubringen haben: Arbeit & Bildung, Inklusion, Freizeit & Ehrenamt, Partizipation, Medien, Verkehr, Umwelt & Entwicklung, Rechtsextremismus. Sie bilden die Grundlage für die nächste Phase ab dem Jahreswechsel: In Jugendforen vor Ort in ganz NRW werden die in den Workshops erarbeiteten Fragen mit Jugendlichen bearbeitet und konkrete Vorschläge zur Implementierung Eigenständiger Jugendpolitik gesammelt.
Im Verlauf dieser Phase sind weitere Aktionen zur Bundestagswahl im September 2013 geplant, insbesondere wieder eine U18-Wahl. Nach einem Jugendkongress im November 2013 wollen wir die Beteiligung junger Menschen bei Entscheidungs- und Planungsprozessen in interessierten Städten und Gemeinden ausprobieren. Zielpunkt dieser Phase sind die Kommunalwahlen 2014, bei denen alle ab 16 wählen dürfen. Abgeschlossen wird die Initiative unter Auswertung der gewonnenen Erfahrungen bei einem gemeinsamen Kongress von Jugendlichen und Fachleuten im Winter 2014. Die entwickelten Beteiligungsmodelle sollen dann zur Realisierung in der Landespolitik an die Landesregierung und die Fraktionen im Landtag übergeben werden.
Klassisch verstand sich Jugendpolitik als Schutz- und Unterstützungspolitik: Schutz vor den Gefahren von Alkohol, Nikotin, ausschweifenden Tanzveranstaltungen, Gewalt, Perversen und Gewaltdarstellungen. Stück für Stück kamen die Unterstützung Benachteiligter, die Betreuung und andere Instrumente hinzu. Seit den 70er Jahren versteht sich Jugendpolitik zunehmend als „Befähigungspolitik“: Chancengleichheit, Bildung, Erziehung, um "gute Bürger/innen", glückliche und erfolgreiche Menschen heranzubilden. Statt von „Fürsorge“ spricht man bald von „Jugendhilfe“.
Moderne Jugendpolitik ist aber mehr: Teilhabepolitik und Generationenpolitik - Mitwirkung, Berücksichtigung der Interessen und Bedürfnisse junger Menschen in allen Politikbereichen, die sie irgendwie betreffen, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Damit geht es in der Jugendpolitik nicht nur um Jugendarbeit, Bildung, Jugendschutz und Jugendhilfe, sondern auch um Wirtschaft, Verkehr, Planung, Umwelt und eine gerechte Welt. Sie ist kein Unterbereich der Sozialpolitik, sondern Potenzialträger und Querschnittsperspektive auf alle Politikfelder, die Kinder und Jugendliche berühren.